diff --git a/geschichte/sitzungsprotokoll-20170508-wk1.tex b/geschichte/sitzungsprotokoll-20170508-wk1.tex new file mode 100644 index 0000000..85971b6 --- /dev/null +++ b/geschichte/sitzungsprotokoll-20170508-wk1.tex @@ -0,0 +1,181 @@ +\documentclass[10pt,a4paper,oneside,ngerman,numbers=noenddot]{scrartcl} +\usepackage[T1]{fontenc} +\usepackage[utf8]{inputenc} +\usepackage[ngerman]{babel} +\usepackage{amsmath} +\usepackage{amsfonts} +\usepackage{amssymb} +\usepackage{bytefield} +\usepackage{paralist} +\usepackage{gauss} +\usepackage{pgfplots} +\usepackage{textcomp} +\usepackage[locale=DE,exponent-product=\cdot,detect-all]{siunitx} +\usepackage{tikz} +\usepackage{algpseudocode} +\usepackage{algorithm} +\usepackage{mathtools} +\usepackage{hyperref} +\usepackage[german=quotes]{csquotes} +%\usepackage{algorithmic} +%\usepackage{minted} +\usetikzlibrary{automata,matrix,fadings,calc,positioning,decorations.pathreplacing,arrows,decorations.markings} +\usepackage{polynom} +\polyset{style=C, div=:,vars=x} +\pgfplotsset{compat=1.8} +\pagenumbering{arabic} +%\def\thesection{\arabic{section})} +%\def\thesubsection{(\alph{subsection})} +%\def\thesubsubsection{(\roman{subsubsection})} +\makeatletter +\renewcommand*\env@matrix[1][*\c@MaxMatrixCols c]{% + \hskip -\arraycolsep + \let\@ifnextchar\new@ifnextchar + \array{#1}} +\makeatother +\parskip 12pt plus 1pt minus 1pt +\parindent 0pt + +\DeclarePairedDelimiter\abs{\lvert}{\rvert}% +\DeclarePairedDelimiter{\ceil}{\lceil}{\rceil} + +\newenvironment{myitemize}{\begin{itemize}\itemsep -9pt}{\end{itemize}} % Zeilenabstand in Aufzählungen geringer + +%switch starred and non-starred (auto-size) +\makeatletter +\let\oldabs\abs +\def\abs{\@ifstar{\oldabs}{\oldabs*}} +\makeatother + +\hypersetup{ + colorlinks, + citecolor=black, + filecolor=black, + linkcolor=black, + urlcolor=black +} + +\MakeOuterQuote{"} + +\begin{document} +\author{Jim Martens (6420323)} +\title{Vorlesung Osteuropa im 1. Weltkrieg} +\subtitle{Vorlesungsprotokoll vom 8. Mai 2017} +\date{8. Mai 2017} +\maketitle + +\section*{Übersicht} + +Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs lässt sich beobachten, dass bis auf +Österreich-Ungarn alle Großmächte (Deutschland, Frankreich, Vereinigtes +Königreich, Russland, Osmanisches Reich, Italien) Vielvölkerstaaten waren. +Es lässt sich jedoch ebenfalls beobachten, dass in direktem Zusammenhang mit +dem Ersten Weltkrieg eine nationale Identität heraufbeschworen wurde, die es +so zu jener Zeit gar nicht gab. Vielmehr befinden sich alle Staaten in einem +Nationalisierungsprozess, der vielerorts auch auf Widerstände traf und alles +andere als abgeschlossen war. + +Für die Mobilisierung zu einem Krieg gegen andere Nationen war es allerdings +notwendig zu begründen, warum dieser Krieg so wichtig sei. Dabei lässt sich eine +charakteristische Komponente erkennen, die sich in allen Großmächten wiederfindet. +Die Minderheiten in den anzugreifenden Staaten wurden für die eigenen Zwecke +instrumentalisiert. Man trat an diese Gruppen zu "befreien" von dem Joch der +Unterdrückung. Dies war auch die Legitimation für den Kriegseintritt. Um die +Interessen dieser Minderheiten ging es dabei jedoch nicht. Interessanterweise waren +Minderheiten immer zudem nur in den anderen Staaten unterdrückt - nie im eigenen. +Diese Instrumentalisierung von Minderheiten wurde diesen nicht selten in ihrem +eigenen Staat zum Verhängnis, da sie fortan als Verbündete der Gegner galten. + +\section*{Nationalismusvarianten} + +Zur damaligen Zeit gab es vier Nationalismusansätze. Der "demokratische" +Nationalismus tolerierte andere Nationen neben der eigenen. Er beinhaltete auch +einige Bedingungen: + +\begin{enumerate} + \item Die Nation umfasst alle Bewohner des nationalen Territoriums; denn + alle haben den gleichen Anspruch auf Menschen- und Bürgerrechte. + \item Alle Mitglieder der Nation sind berechtigt und sollen befähigt sein, an + deren politischer Kultur teilzuhaben und die Solidarität der Nation zu erfahren; + dazu beizutragen, sind alle gleichermaßen verpflichtet. + \item Eine Nation hat das Recht auf politische Selbstverwaltung innerhalb ihres + Territoriums; das Prinzip der Volkssouveränität soll die Norm der Staaten sein. + \item Alle Völker haben ein gleiches Recht auf Existenz, auf Nationsbildung und + auf Selbstbestimmung innerhalb ihres Siedlungsgebiets. +\end{enumerate} + +Diese Form des Nationalismus hat nur eine sehr beschränkte Rolle gespielt. So +wurde er in den Balkankriegen und im Krieg von Italien gegen Österreich +verwendet. + +Der "integrale" Nationalismus spielte vor dem Ersten Weltkrieg kaum eine Rolle +gespielt. Er beschreibt "eine kämpferische [...] Sammlungsbewegung von rechts, +die eine qualitativ andere Nation im Visier hatte". In dieser Nation ging es +nicht mehr um Menschenrechte und Gleichberechtigung, sondern um ein elitär +verstandenes Volkstum. Dieser Nationalismus fand seinen Auftrieb in den 1930er +Jahren u.a. im Deutschen Reich in Form des Nationalsozialismus. + +Schließlich gab es noch den inklusiven bzw. exklusiven Nationalismus. Der Erstere +schließt alle politischen und kulturellen Gruppen ein und entwickelt damit eine +integrierende Wirkung. Der exklusive Nationalismus grenzt sich zu anderen Staaten +und Nationen ab und überhöht die eigenen nationalen Elemente. Er verkleinert damit +im Gegensatz zum inklusiven Nationalismus die eigene Gruppe. + +\section*{Unabhängigkeit Polens} + +Nach den Befreiungskriegen war Polen dreigeteilt und nicht mehr als unabhängiger +Staat vorhanden. Russland, Preußen und Österreich-Ungarn kontrollierten je einen +Teil des ehemals polnischen Gebiets. Entsprechend interessant ist es, dass +ausgerechnet die polnische Unabhängigkeit in Verbindung mit dem Ersten Weltkrieg +so eine Relevanz bekam. Es gab Bestrebungen von der österreichischen Seite und +von der russischen. +Die österreichische Bewegung verkauft den russischen Teil +des polnischen Teilungsgebiets als unfrei. Es wird daher zum Befreiungskampf +gegen die Russen aufgerufen. Dabei wird behauptet, dass Österreich für die +polnische Sache kämpfe. Die österreichische Seite wird entsprechend als Land der +Freiheit verkauft. Allerdings hat Österreich 1914 gar kein Interesse am Krieg +mit Russland und eine Unabhängigkeit Polens will Österreich auch nicht. +Die Kampagne hat wenig Erfolg. + +Die russische Kampagne erreicht eine höhere Verbreitung auch außerhalb des von +Russland kontrollierten Gebiets. Sie wird auf Russisch und Polnisch veröffentlicht, +obwohl polnische Veröffentlichungen eigentlich verboten waren. In dem Aufruf +wird von einer "frohen Botschaft" gesprochen. Dieser Begriff wird eigentlich +für das Evangelium verwendet. Es wird gefordert, dass sich der russisch-polnische +Teil mit den anderen Teilen verbindet. Dieses zusammenhängende Polen soll allerdings +nicht etwa wirklich unabhängig sein, sondern unter der Herrschaft des Zaren stehen. +Damit ist die frohe Botschaft also die Kontrolle ganz Polens durch Russland. +Nach der Eroberung soll es Freiheit und Selbstverwaltung geben. Russland hätte +jedoch bereits seit Jahrzehnten die Möglichkeit gehabt dies in seinem Bereich +umzusetzen. Tatsächlich erfolgte im russischen Bereich mehr Unterdrückung als +im österreichischen Teil. Dies schien jedoch egal zu sein, denn bis zur Einnahme +Warschaus durch die Mittelmächte herrschte dort eine pro-russische Stimmung. +Dies kann auch als Beginn des integralen Nationalismus gesehen werden. So war +der Zusammenhang der slawischen Völker wichtiger als die tatsächliche Unterdrückung. +Es kommt sogar zur Gründung eines polnischen Nationalkommittees im russischen +Bereich, welches sich für das Zarenreich ausspricht. + +Bei der wenig erfolgreichen österreichischen Bewegung kann jedoch davon ausgegangen +werden, dass eine Trennung von Österreich nach der Einnahme des russischen Teils +geplant war. + +\section*{Befreiung der Juden in Russland} + +Von der deutschen Seite gab es Bestrebungen zur "Befreiung" der Juden in Russland. +Allerdings kommt diese Idee von den Zionisten in Deutschland und nicht von der +Generalität oder dem Kaiser. Die Idee beinhaltet die Agitation der Juden in +Russland gegen Russland. In den zu besetzenden Gebieten sei nur auf die Juden +Verlass. Auch hier geht es um eine "frohe Botschaft". Für diese Kampagne wurde +eine Zeitschrift auf Hebräisch und Jiddisch verfasst, welche insgesamt zwei +Ausgaben erhielt. Es ist unklar, ob die Zeitschrift tatsächlich über russischem +Gebiet abgeworfen wurde. Nach Kriegsbeginn kamen die Deutschen in Polen aber nicht +sonderlich gut voran, sodass eine eventuelle Wirkung im russischen Teil verpuffte. +Im deutschen Heer machte sich die Einstellung breit, die Juden würden sich nicht +genügend für die Kriegszwecke der Deutschen einsetzen. Die antijüdischen Kräfte +gewannen die Oberhand und es fand die sogenannte Judenzählung statt. + +Ein weiterer Effekt der Kampagne sollte ein besseres Verhältnis der Deutschen +gegenüber den Juden sein. Dieser Effekt stellte sich jedoch nicht ein. Die ganze +Aktion blieb dennoch nicht ohne Wirkung. Die Juden in Russland wurden von der +Grenzregion ins Landesinnere deportiert. +\end{document}