diff --git a/_posts/2017-12-24-bericht-g20-sonderausschuss-03.markdown b/_posts/2017-12-24-bericht-g20-sonderausschuss-03.markdown new file mode 100644 index 0000000..cc5dd4a --- /dev/null +++ b/_posts/2017-12-24-bericht-g20-sonderausschuss-03.markdown @@ -0,0 +1,284 @@ +--- +layout: post +title: "Bericht von Dezembersitzung des G20-Sonderausschusses" +date: 2017-12-24 10:00:00 +0200 +categories: politics, G20 +--- + +Am 21. Dezember fand die Dezembersitzung des G20-Sonderausschusses statt. +Wie die Male zuvor ging es um 17 Uhr los. Ich war allerdings erst zwischen +18 und 19 Uhr da und habe einen signifikanten Teil des Berichts verpasst. +Thematisch ging es am Donnerstag um die Presseakkreditierung während des +G20-Gipfels. + +Für einen detaillierten Blick auf die Befragungen sei auf das Wortprotokoll +verwiesen. Dieser Bericht schildert meine Eindrücke und beschränkt sich +auf einige Kernelemente und Schlussfolgerungen meinerseits. + +## Bericht Polizei und Verfassungsschutz +### Akkreditierungsverfahren + +Ich habe noch den Rest des Berichts zu den BKA-Dateien mitbekommen. Seit Januar +2017 bestand demnach ein fortlaufender Austausch zwischen der Polizei Hamburg +und dem Bundeskriminalamt (BKA) bezüglich der Presseakkreditierung. Insgesamt +soll es um die 18.000 Akkreditierungsanfragen bundesweit gegeben haben. Es gab +zwei Möglichkeiten sich zu akkreditieren: + +1. In einem Onlineverfahren konnte man sich in einem Portal registrieren. Die +Polizei Hamburg hat dann für einen Teil dieser Anfragen Daten bekommen und +geschaut, ob sie zu den anfragenden Personen in Hamburger Dateien Infos vorliegen +haben. Je nach dem Informationsstand wurde positiv/negativ in das zugehörige +Formularfeld eingetragen und die Antwort dem BKA gemeldet. Hamburg hat auf diese +Weise wohl bei 786 Fällen Daten beigetragen. +2. Die weitere Möglichkeit der Akkreditierung bestand über eine AdHoc-Akkreditierung +vor Ort. Dabei fand eine persönliche Überprüfung statt und die Hamburger Dateien +wurden durch Verbindungsbeamte geprüft. Über dieses Verfahren wollten sich +wohl 3000 Personen akkreditieren lassen. + +Für die Hamburger Polizei war der Beruf der Anfragenden nicht ersichtlich und +hat demnach nach eigener Aussage auch keine Rolle für die Überprüfung der +Hamburger Dateien gespielt. Die letztliche Entscheidung über die Vergabe +der Akkreditierung traf das BKA bzw. das Bundespresseamt (BPA). + +Es wurde betont, dass in keinem Fall von der Polizei Hamburg falsche Infos an +das BKA übermittelt wurden. In Zukunft werde die Akkreditierung anders gestaltet +und vom Datenschutzbeauftragten der Polizei begleitet werden. +Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) hat ebenfalls Infos an den Bund übermittelt. +Diese Infos gingen zunächst an das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), welche +die Daten dann an das BKA übermittelte. Es wurden wohl 55 Personen insgesamt +überprüft durch das LfV. Davon gab es in 25 Fällen negative Rückmeldungen entsprechend +der Kategorien des BKA. In 30 Fällen gab es keine Rückmeldung. + +### Entzug der Akkreditierung + +Das Thema der Akkreditierung ist vor allen Dingen deswegen so spannend, weil +einer Menge an zunächst akkreditierten Menschen die Akkreditierung im Nachhinein +wieder entzogen wurde. + +Mangels der Kenntnis der Berufe kann die Polizei Hamburg keine Auswertung +der Akkreditierungsentziehungen vornehmen, welche Rückschlüsse auf die Konsequenzen +für Medienvertreter\*innen zuließe. Die Neubewertung der Sicherheitslage durch +das BKA, welche als Grund für den Entzug der Akkreditierungen angebracht wurde, +kann von der Polizei Hamburg nicht nachvollzogen werden. Nach der initialen +Zulieferung an Daten für das BKA sei die Polizei nicht weiter kontaktiert worden. + +Von dem BKA wurden zwei Listen mit Namen erstellt. Die eine Liste enthielt 82 Namen +und existierte in +zweifacher Ausführung - einmal mit mehr und einmal mit weniger Daten. Die andere +Liste enthielt 35 Namen, wobei nach Duplikataussonderung nur noch 32 Namen übrig +blieben. Insgesamt wurde die Akkreditierung wohl 9 Menschen entzogen, der Rest +der Menschen erschien an keiner Kontrollstelle während +der Entzug vollzogen wurde. Es gebe 4 bekannte Fälle, bei denen Menschen +zu Unrecht abgewiesen wurden, nachdem das BKA die Listen bereits zurückgezogen +hatte. Die Info der Ungültigkeit der Listen erreichte nicht alle Kontrollstellen +rechtzeitig. Noch am Freitag Abend kam wohl die Mitteilung vom BKA, dass die Listen +einzuziehen seien. Erst am Samstag Nachmittag konnte dies vollumfänglich durchgesetzt +werden. + +Von den 25 negativen Rückmeldungen durch das LfV landeten wohl 5 +Medienvertreter\*innen auf der "32"-Liste des BKA. + +## Bericht von Haß, Verdi + +Ab 2018 werde es wieder eine bundesweit einheitliche Vergabe des Presseausweises +durch den Presserat geben, welche von der Innenminister\*innenkonferenz anerkannt +wird. + +In Bezug zu G20 in Hamburg habe sich Verdi als Ansprechpartner\*in in Pressefragen +angeboten. Darauf sei nicht reagiert worden. Im Verlauf des Gipfels sei Verdi +von Beschwerden überrollt worden. Insbesondere wurde kritisiert, dass Journalist\*innen, +welche nicht zum Medienzentrum gingen und eine Akkreditierung besaßen, diese +weiterhin behalten konnten, auch wenn sie auf den Entzugslisten standen. + +Der Entzug der Akkreditierung bedeute ein Berufsverbot. Zu dem Thema finde gerade +eine rechtliche Klärung vor dem Verwaltungsgericht in Berlin statt. Ebenso sei +ein Problem gewesen, dass die Listen für Dritte einsehbar waren. Außerdem sei +es schleierhaft, wie die Medienvertreter\*innen auf die Liste kamen. + +## Bericht von Johannes Caspar, Hamburgischer Datenschutzbeauftragter + +Für die "32"-Liste sei die Bundesbehörde zuständig, weswegen er leider diesbezüglich +keine Einschätzung zur Datenschutzproblematik geben könne. Sein Bericht war +angekündigt als aufgeteilt in drei Komplexe: + +1. Zugang zur abgesicherten Zone 2 +2. Weitergabe von Daten des LfV an das BfV +3. Weitergabe von Daten des LKA an das BKA + +Zum dritten Komplex sei die Überprüfung noch nicht abgeschlossen. + +### Zugang zu abgesicherter Zone 2 + +Bei sog. Poolterminen sei keine elektronische Überprüfung möglich gewesen, daher +habe es eine Karte als Akkreditierungsbeweis gegeben. Wie bereits erwähnt gab +es die "82"-Liste in zweifacher Ausführung und die "32"-Liste wurde Gefährderliste +genannt, obgleich sich der Gefährder-Begriff hier nicht mit dem der Polizei +deckt. Die Polizei Hamburg habe keine eigenen Listen angefertigt und der Umgang +mit den Listen sei sehr frei erfolgt. Eigentlich waren die Listen nur für +BKA-internen Gebrauch vorgesehen, enthielten aber keine Klassifizierung. + +Das BKA vertrete Auffassungen hinsichtlich der Erstellung von Listen, die +der Meinung der Polizei Hamburg diametral widersprechen. Laut BKA habe die Polizei +Hamburg eigene Listen erstellt, was nach der Polizei Hamburg jedoch nicht der +Fall gewesen sei. Im Verlauf des Gipfels seien die Kontrollen auf Akkreditierung +zunehmend willkürlich verlaufen. Es gebe einen Verstoß gegen das Datenschutzgesetz +aufgrund des offenen Umgangs mit den Listen des BKA. + +In einem kurzen Exkurs ging Caspar dann auch noch auf die polizeilichen +Datenbanken Polas und Inpol ein. Bei einem signifikanten Teil der Hamburger +Datenbank seien Negativprognosen nicht vorhanden gewesen. + +Die Daten von mindestens +einer\*einem Medienvertreter\*in hätten nicht gespeichert werden dürfen. + +## Bericht von Bründel + +Er habe im Nachhinein durch die ARD erfahren, dass ihm seine Akkreditierung +entzogen wurde. Es habe keine sinnvolle Information über den Grund der Aufnahme +in die Liste gegeben. Auf der 1. Mai Demo 2017 wurden seine Personalien +aufgenommen durch Bremer Polizist\*innen. In den Akten wurde dann wohl aus einer +Personalienfeststellung eine Festnahme. Dies habe dann dazu geführt, dass +er als Gewalttäter kategorisiert wurde. + +## Bericht von Smid + +Smid ist ein Greepeace-Vertreter und wurde von Phoenix gebeten am Samstag +journalistische Tätigkeiten zu verüben und die Ergebnisse des Gipfels in den +Umweltfragen einzuschätzen. Entsprechend ging er zum Medienzentrum wurde aber +nicht hereingelassen, da sein Name auf der Liste stand. Er musste rund 20 +Minuten in Polizeibegleitung warten. Als Vorwurf wurde Urkundenfälschung +erhoben, eine Aufklärung vor Ort war aber nicht möglich. + +Daher konnte das Interview mit Phoenix nicht stattfinden. Die Inpol-Daten zu ihm +sind wohl falsch bzw. unvollständig. In Folge dessen wird ihm ein Hausfriedensbruch +vorgeworfen, der nie stattfand. Ebenso wurde er als Mitglied der Antifa Celle +eingeordnet, obwohl er nie länger in Celle war. Auch der Hintergrund des Vorwurfs +der Urkundenfälschung sei nicht nachvollziehbar. Laut einer Entscheidung eines +Amtsgerichts in Hamburg war der Entzug der Akkreditierung rechtswidrig. Die +Staatsanwaltschaft in Hamburg behaupte jedoch immer noch, dass der Vorgang +rechtmäßig gewesen sei. + +## Fragen + +An diesem Punkt endete der Bericht. Es gab einige Fragen, allerdings werde ich +aus Zeit- und Platzgründen hier nicht alles in den Einzelheiten berichten, +sondern versuchen die effektiven Informationen aus den Fragen zusammenzufassen. + +Für Statistikfans kommt hier aber die Reihenfolge der fragenstellenden Fraktionen, +so wie ich es protokolliert habe. Die FDP hat noch ein bis zwei mal mehr Fragen +gestellt, die ich aber nicht ganz mitbekommen habe oder die nicht zugelassen +wurden. Nachfragen durch die Fragesteller\*innen oder mehrfache Fragen direkt +hintereinander wurden im Übrigen nicht zusätzlich aufgeführt. + +1. Tjarks (GRÜNE) +2. Gladiator (CDU) +3. SPD +4. Möller (GRÜNE) +5. Schneider (LINKE) +6. FDP +7. Tjarks (GRÜNE) +8. SPD +9. Gladiator (CDU) + +Ein Faden zog sich durch fast alle Fragen und Antworten. Die Seite des BKA/BPA +hat im Ausschuss gefehlt, wodurch viele Fragen nicht geklärt werden konnten. + +### Neubewertung der Sicherheitslage + +Die Hintergründe der Neubewertung konnten nicht geklärt werden. Allerdings +kam heraus, dass zunächst alle Akkreditierungsanfragen positiv beantwortet +wurden. Es ist also durchaus möglich, dass dann erst später eine realistische +Sicherheitsprüfung vorgenommen wurde. Ob dies aber tatsächlich der Hintergrund +war, lässt sich nur durch Antworten durch das BKA klären. + +### Zeitablauf der Rücknahme der Listen + +Am Freitag gingen zunächst Listen vom BKA an die Untereinheit "Objektschutz", welche +die Hotels zu schützen hatte. Dort sollten die Akkreditierungen der Personen +auf der Liste eingezogen werden. Die Untereinheit "Veranstaltungen", welche für +die Messe und Elbphilharmonie zuständig war, hatte separat Kontakt mit dem BKA +und gefragt, ob sie auch die Akkreditierungen einziehen sollen. Diese +Kontaktaufnahme wurde aber hamburgseitig nicht korrekt dokumentiert. + +Um 18 Uhr hat das BKA dann den Objektschutz angerufen und den Einzug der Listen +wegen fehlender Verschlusssache-Klassifizierung gefordert. Da es keine andere +Liste durch das BKA gab, wurde damit die Kontrolle an den Hotels eingestellt. +Der Anruf beim Objektschutz hat die Kontrollen bei der Messe aber nicht gestoppt. +Erst am Samstag kam eine Mail vom BKA an die Veranstaltungseinheit, dass auch an +der Messe nicht mehr kontrolliert werden soll. + +Diese zeitliche Differenz von fast einem Tag wurde allgemeinhin als inakzeptabel +von der Polizei und Innenbehörde eingeräumt. + +### zukünftige Akkreditierung beim BPA + +Laut Haß soll es kommendem Jahr einen Akkreditierungsbeauftragten beim BPA +geben, der Zugang zu den Rohdaten vom BKA hat und somit die zentrale Ansprechperson +für Akkreditierungsfragen werden soll. Außerdem sollen Betroffene eine Email +erhalten, wenn es Probleme bei der Akkreditierung gab. + +### frei kursierende Listen + +Der Umgang mit den Listen war unzureichend, dies gab auch die Polizei zu. +Laut Haß war es den betroffenden Journalist\*innen sogar möglich die Liste +selber einzusehen, was in keinem Fall hätte passieren dürfen. Dem Senat und +auch der Polizei war diese Tatsache bis dato unbekannt. + +### Fall Bründel + +Am 9. Mai hat das LfV von der Polizei die Liste an Personen bekommen, die +freiheitsentziehende Maßnahmen im Zusammenhang mit der 1. Mai Demo erhalten +hatten. Entgegen bestehender LfV-interner Regeln wurde diese Liste ohne Akteneinsicht +an das BfV weitergegeben. In Zukunft wird die Weitergabe von Daten an andere +Behörden nur nach dem 4-Augen-Prinzip erfolgen. + +Aufgrund der fehlerhaften Information auf der Liste hat das BfV und damit das BKA +eine inkorrekte Information über Herrn Bründel erhalten. Unabhängig davon +lieferte die Polizei Hamburg korrekte Infos an das BKA in Bezug zur Personalienfeststellung +am 1. Mai. Das BKA hätte also auf die Idee kommen können, dass ein Datensatz +falsch war. + +Später habe das BKA dem LfV mitgeteilt. dass die vom LfV übermittelte Liste +ausschlaggebend für den Entzug der Akkreditierung war. + +### Fall Smid + +Es konnte lediglich festgestellt werden, dass die Daten zu Smid nicht aus +Hamburg kamen. Das BKA habe die bundesweit einfließenden Daten koordiniert +und das BPA letzlich entschieden. Daher könnten keine weitergehenden +Angaben gemacht werden. + +### Polizeidatenbanken + +Im Zusammenhang mit dem Fall Smid wurde anschaulich, welches Problem falsche +oder unvollständige Infos in den Polizeidatenbanken bedeuten. Für Hamburgs +Datenbank Polas wurde vor zwei Jahren ein Prozess angestoßen alle Datensätze +mit den Akten abzugleichen und qualitativ auf eine neue Stufe zu heben, um +Fehlspeicherungen zu verhindern. Dieser Prozess wird noch einige Jahre +in Anspruch nehmen. + +Caspar stellte strukturelle Probleme bei der Datenhaltung deutscher Behörden +fest. In Hamburg sei nicht nachvollziehbar, wenn in Sachsen und Co Fehler passieren. +Solche Fehler fressen sich dann ins System und können nur sehr schwer wieder +entfernt werden. + +In Bezug zu den Datenbanken wurde auch deutlich, dass es Standards geben müsse, +nach denen Menschen aufgenommen werden in diese Datenbanken. Ebenso müsse es auch +klare Regeln geben, nach denen Menschen wieder aus den Datenbanken entfernt würden. +Medienvertreter\*innen hätten zudem ein höheres Risiko in solche Dateien zu kommen, +weil sie sich z.B. bei Berichten über Ausstände oder Demos immer in der Nähe +dieser Ereignisse befänden. + +### Einfluss ausländischer Geheimdienste + +Bei den 25 Personen mit einer negativen Rückmeldung an das BfV, haben laut dem +LfV Daten ausländischer Dienste keine Rolle gespielt. + +## Fazit + +Es sind nicht alle Punkte genannt worden, die gefragt wurden, aber im Wesentlichen +sollte dieser Bericht die Sitzung des Ausschusses zusammenfassen. Nach meinem +Eindruck war diese Sitzung viel aufklärender als die Befragung von Scholz, bei +dem es weniger um eine sachliche Aufklärung als um eine Schuldfindung ging. + +Die nächste Ausschusssitzung ist am Mittwoch, 24. Januar, um vsl. 16 oder 17 Uhr.